Katzen und Russen

Er sei etwas wunderlich, der Patient, den ich vom Krankenhaus abholen und zu einer Untersuchung in eine andere Klinik fahren sollte. „Völlig harmlos, ein ganz Lieber eigentlich, nur eben manchmal etwas ... durcheinander“, sagte mir die Oberschwester auf der Station, drückte mir die Krankenakte in die Hand und wünschte mir eine gute Fahrt.

Na gut, sind wir nicht alle irgendwie etwas wunderlich, jeder auf seine Art? Vorurteilsfrei gegenüber jeglicher Art von anders Sein nahm ich den linken Arm des adrett gekleideten älteren Herrn und sprach gut gelaunt: „So, dann wollen wir mal unsere kleine Ausfahrt starten!“

Er nickte mir freundlich zu, sagte „Angenehm“ und nannte seinen Namen.

„Und wo bringen Sie mich jetzt hin?“, wollte er noch von mir wissen.

Eine berechtigte Frage und überhaupt kein Grund, daraus auf einen geistigen Dämmerzustand zu schließen. „Nach Chemnitz, ins Krankenhaus, zu einer Untersuchung“, sagte ich.

„Aha, Chemnitz. Das kenne ich, da war ich mit meiner Frau früher öfters.“

Seine Sprechweise klang sehr kultiviert und – im Gegensatz zu der Meinigen - akzentfrei. Meine Auskunft schien ihn zu befriedigen und eben wollte ich mich mit ihm im Schlepptau in Bewegung setzen, da kam eine Schwester angerannt. „Einen Moment, Herr M., Sie haben doch ihre Tabletten gar nicht genommen! Die liegen ja noch auf ihrem Nachttisch!“

Er nehme sie doch immer erst nach dem Mittagschlaf, zeigte er sich über die logistischen Abläufe seiner Behandlung bestens informiert.

„Aber doch nicht heute! Sie müssen doch nach Chemnitz, zum Ultraschall.“

Das schien ihm jetzt neu zu sein. Seine Adrettheit und sein korrektes Auftreten ließen weiterhin nichts zu wünschen übrig, als er mich erneut fragte: „Und wo wollen Sie mit mir hin?“

„Nach Chemnitz“, half ich ihm auf die Sprünge.

„Aha, Chemnitz. Das kenne ich...“

Na gut, vielleicht hatte die Oberschwester mit ihrer Aussage doch nicht ganz unrecht. Aber solche Situationen sind mir aus dem Taxi-Alltag mit Patiententransporten und Krankenüberführungen nicht fremd und ich weiß damit umzugehen.

„So, dann wollen wir also mal!“, versuchte ich erneut, ihn in Bewegung zu setzen.

„Aber – da muss ich mich doch erst einmal anziehen, ich kann doch nicht im Schlafanzug fahren!“, wehrte er ab.

Ein Einwand, der ebenfalls berechtigt erschien – sieht man einmal davon ab, dass seine Cordhose, der karogemusterte Pullover und der Lodenmantel nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Schlafanzug hatten. Inzwischen erschien jedoch die Schwester mit dem Medikament, mein Patient nahm es folgsam ein und dem Pflegepersonal fiel ein, dass der Arztbrief noch nicht fertig sei.

Doch, er ist fertig, nur der Arzt habe ihn noch nicht unterschrieben, wusste die Oberschwester.

Dem vereinigten Pflegepersonal der gesamten Station gelang es schließlich, den Arztbrief aufzustöbern und gemeinsam brachten sie nach einer Viertelstunde sogar einen Arzt im Schlepptau mit, der ihn unterschreiben konnte.

Könnte.

Tat er aber nicht. Weil er ihn nicht geschrieben hatte und er könne die Anweisungen des Kollegen nicht ganz nachvollziehen. Erneut schwärmte das Personal aus, während ich unruhig von einem Bein aufs andere trat und meinem Patienten immer wieder die Frage beantwortete, wo ich denn mit ihm hinwolle.

„Aha, nach Chemnitz!“

Die Zeit lief mir langsam, aber sicher davon, denn ich hatte noch weitere Termine. Aber irgendwann war es soweit und mit allen Unterlagen ausgestattet stob ich davon.

„Ich hole schon mal den Fahrstuhl“, rief ich meinem adrett-kultivierten Herrn zu.

„Wieso, wo wollen Sie denn mit mir hin?“

Ich beschloss, ihn unterwegs darüber aufzuklären.

Das tat ich dann auch auf seine fortwährenden Fragen hin noch mehrfach. Doch unser Gespräch drehte sich nicht nur um das Ziel der Fahrt. Mein Fahrgast sah auch bei weiteren offenen Fragen Klärungsbedarf.

„Wo haben Sie denn die Katze her?“, wollte er wissen.

Ich wollte schon antworten, dass ich weder eine Katze noch sonstiges Hausgetier habe, doch es schien mir nicht ratsam, über diesen Punkt ein Streitgespräch vom Zaun zu brechen.

„Aus dem Tierheim“, antwortete ich also.

Ich hoffte, mich damit ihm gegenüber als Tierfreund zu outen und mir so sein Wohlwollen zu erwerben. Das Problem ließ ihn jedoch nicht so schnell los.

„Ist das Ihre Katze?“, wollte er nun wissen und fasste auf meinen rechten Oberschenkel.

„Nein“, widersprach ich nun doch, denn ich fürchtete, er würde sonst anfangen, Minka zu streicheln, „nein, das ist mein rechtes Bein.“

Er gab sich damit zufrieden. Wahrscheinlich dachte er, dass ich wohl etwas wunderlich sei, aber ansonsten völlig harmlos. Das heißt, ich hoffte, dass ich weiterhin einen harmlosen Eindruck machte, denn angesichts meiner Verspätung und der immer wiederkehrenden gleichen Fragen spürte ich, wie der Druck in meinem Kopf zu steigen schien. Meine Schädeldecke fühlte sich an, als ob ein schwacher Stromkreis an sie angeschlossen sei, doch obwohl ich immer wieder in den Rückspiegel blickte, standen mir die Haare noch nicht zu Berge.

Auch wenn es sich so anfühlte.

Die Fahrt dauerte eine reichliche halbe Stunde. Die Zugehörigkeit von mindestens 15 Katzen musste währenddessen geklärt werden und meine Antworten, so fürchte ich, fielen allmählich leicht ungehalten aus. Er zeigte sich außerdem besorgt um mein Wohlergehen und warnte mich mehrmals vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff der Russen.

„Ja, dort, Sie lauern im Straßengraben. Wenn wir nicht aufpassen, kriegen sie uns, die Russen.“

Nicht nur eine Straße hatten sie unter ihre Gewalt gebracht, leider schienen sie – seiner Meinung nach – überall zu lauern.

Schließlich, im Chemnitzer Krankenhaus angekommen und zeitlich hoffnungslos im Verzug, war ich mit meinen Nerven am Ende. Hand in Hand strebten wir der Station entgegen, die ausgerechnet im oberen Stockwerk und ganz am Ende des Komplexes lag, natürlich war ein Fahrstuhl außer Betrieb und der andere eine gefühlte Ewigkeit lang durch einen Liegend-Transport blockiert.

Völlig aufgelöst versuchte ich schließlich dem Personal zu erklären, weshalb wir hier seien. „Wir kommen wegen der Russen, äh, wegen der Untersuchung, Ultraschall, vom Tierheim, stationär. Nein, Krankenhaus, Entschuldigung, vom Krankenhaus in Chemnitz kommen wir. Lichtenstein! Von Lichtenstein, keine Katze, jawohl. Ultraschall. Bemmert mein Name, schönen guten Tag.“

Mein mir anvertrauter Patient, der trotz seiner dementen Anwandlungen meinen Nervenzustand offenbar richtig einschätzte, tätschelte mir nun die Hand, die eigentlich ihn halten und führen sollte.

„Schon gut, alles gut“, redete er beruhigend auf mich ein.

„Na, dann kommen Sie mal mit“, sagte die Aufnahmeschwester mit der gleichen Freundlichkeit zu mir. Erst später – zu spät – merkte ich, dass die Freundlichkeit eigentlich nicht mir selbst, sondern lediglich den für ihre Berufserfahrung offensichtlichen Symptomen galt.

Sie ergriff meine andere Hand. Was sie damit wollte, wurde mir nicht sofort klar. Erst, als ich aus den Augenwinkeln sah, wie mein Patient mit der freien Hand die Scheibenwischer-Geste vor seiner Stirn machte, dabei dezent auf mich deutete und bedauernd mit den Schultern zuckte, begriff ich, dass hier soeben ein großes Missverständnis seinen Anfang nahm.

„Halt, Moment, ich ... nicht...!“

Weiter kam ich nicht, denn ein Zivi und ein durchtrainiert wirkender Pfleger postierten sich links und rechts neben mich.

„Das wird schon wieder“, nickte mir mein Patient in kultiviertem Hochdeutsch aufmunternd zu und die beiden Männer schickten sich an, jeder einen Arm von mir in Beschlag zu nehmen.

Instinktiv befand ich, dass jetzt ein geeigneter Zeitpunkt wäre, um mich auf den Boden zu werfen, in das Linoleum des Krankenhausflures zu beißen und darauf mit beiden Fäusten herum zu trommeln.

Ich tat es auch in genau dieser Reihenfolge.

Das Stationspersonal musste diese Geste der Verzweiflung wohl doch nicht endgültig davon überzeugt haben, dass nicht ich der behandlungsbedürftige Patient war und hier ein Missverständnis vorlag.

An das, was danach geschah, habe ich nur vage Erinnerungen. Ich weiß nur noch, dass ich in diesem Jahr meine persönliche Zuzahlungsgrenze bei der Krankenversicherung aufgrund eines längeren stationären Aufenthaltes weit überschritten hatte.

Das ist mittlerweile lange her. Um Katzen mache ich dennoch einen großen Bogen. Zum Glück sehe ich sie meist schon von weitem, weil sie sich nicht immer im Straßengraben verstecken, so wie die Russen.

 

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